raw till four

Was, wer und welche Ideen stecken eigentlich hinter "raw till 4"? Darüber und über meine Erfahrungen mit dieser veganen Ernährungsform möchte ich heute kurz berichten

Kochen am Abend in der Sahara

Wie hier schon öfters erwähnt, habe ich ja meine Ernährung von vorwiegend vegetarisch - vor nun fast schon 2 Jahren - auf vegan umgestellt. Der letzte Auslöser dafür war, dass mir eine Freundin Videos von Durianrider und Freelee gezeigt hatte, die sich damals sehr aktiv für einen bestimmten veganen Lebensstil stark machten. Sie propagierten  "high carb - low fat", die Formel "80-10-10" und "raw till four". 

 

Was heißt nun eigentlich "raw till four"? 

 

"Raw till Four" oder "raw till 4" zu deutsch: "roh bis vier" bedeutet, sich bis 4 Uhr nachmittags roh zu ernähren und ab 16h dann gekochtes Gemüse, Kartoffeln, Reis, Hülsenfrüchte etc. zu essen. Bis 16h werden hauptsächliche rohe Früchte und etwas Gemüse gegessen, ganz oder zu Smoothies verarbeitet. 

 

"Raw till 4" hat sich in der englisch-sprachigen Youtube-Welt schnell verbreitet und hat, denke ich, vielen Menschen geholfen auf eine vegane Ernährung umzusteigen. Was vor 2 Jahren in Österreich noch nahezu unbekannt war, wird heute schon als veganer Lifestyle oder gefährlicher Trend betitelt. Was ist nun dran, an "raw till 4"? 

 

Doug Lisle, der als Psychologe für Dr. McDougall und das True North Health Center arbeitet, erwähnt in einem Video, dass früher alle Stämme, bzw. die Menschen die heute noch in Stämmen zusammen leben, unter Tags roh essen und sich abends rund um das Feuer treffen, um das eventuell erjagte Tier zu braten und jedenfalls die gefundenen und geernteten Früchte und Gemüse, besonders das Wurzelgemüse, zu kochen. Feuerholz war zu wertvoll, um den ganzen Tag ein Feuer brennen zu lassen. Ausserdem müsste es ja den ganzen Tag von jemanden geschürt und beaufsichtigt werden. So wurde erst abends ein Feuer entfacht, zum wärmen der Körper und zum kochen der Lebensmittel. Bis dahin gab es Rohes, Früchte und Gemüse. Ich war 2 Mal in der Sahara zum stillen Wandern durch die Wüste. Die Beduinen zeigten uns den Weg und kochten auch für uns. Auch dort gab es zu Mittag Salat und abends wurde am Feuer Köstliches gekocht. 

rohe Karotten weniger gesund als gekochte

"Raw till 4" basiert auch auf dem Ernährungskonzept "80-10-10", welches von Douglas N. Graham in seinem Buch "Die 80/10/10 High-Carb-Diät - Die revolutionäre Formel für eine rohvegane und fettarme Ernährung" vorgestellt wird. 

 

80-10-10 bedeutet, dass man 80 % der Gesamtkalorien aus Kohlenhydraten zu sich nimmt, 10 % aus Protein und 10 % aus Fett. Wenn man viel Obst und Gemüse ißt, kommt man fast automatisch auf diese Verteilung. Von vielen wird problematisch gesehen, dass 10 % Eiweiß nicht genug sind. Darüber habe ich hier mehr geschrieben. Proteine sollten besonders am Abend verzehrt werden, da der Körper in der Nacht das Eiweiß verwendet, um anstehende Reparaturen vorzunehmen und auch um Muskeln aufzubauen. Das spricht also für "raw till 4" bzw. eben den spätnachmittäglichen Genuss von gekochten Bohnen, Getreide und Pseudogetreide mit hohen Eiweißanteil. 

 

Weiters empfiehlt "raw till 4" große Kalorienmengen zu essen - jede Mahlzeit sollte so um die 1000 kcal haben. Das hat sich ziemlich überraschend als Schwierigkeit für mich heraus gestellt. Ich kann viel essen und esse wirklich gerne - aber diese Mengen waren mir eindeutig zu viel und ich hatte echt Probleme, bei einer Mahlzeit so viel zu essen. Durianrider, Freelee und die Menschen, die nach diesem Ernährungskonzept leben, machen auch alle ausserordentlich viel Sport, insbesondere Ausdauersport. Sie fahren täglich viele Kilometer Rad oder trainieren sogar Triathlon, auf einer fast professionellen Ebene, wobei sie mehr Kalorien verbrauchen als ich das in meinem halbwegs normalen Leben mit Sport in meiner Freizeit tue. Ein typisches Frühstück bei "raw till 4" besteht aus einem Smoothie mit etwa 10 (in Worten: "ja, zehn!") reifen Bananen (also die mit den braunen Pünktchen, die schon einen höheren Zuckeranteil haben und lecker süß sind), zusammen mit eventuell noch einer anderen Frucht und Kokoswasser oder Wasser.  Oder einem Datorate, einem Smoothie aus 10-20 Datteln gemixt mit Wasser. 

 

Ich habe immer schon gerne rohes Gemüse und Obst gegessen. Das wurde auch in unserer Familie viel gegessen, so ungesund das übrige Essen dann auch war. Vielleicht ist die Vorliebe für Rohes auch von meinem Großvater beeinflusst , der nach einer Krebsdiagnose von einem Heilpraktiker die Empfehlung bekam, sehr viel rohes Gemüse zu essen, was er dann auch tat und etwas später als geheilt galt. Ich habe zudem das Glück oder das Mikrobiom entwickelt, dass ich rohes Obst und Gemüse auch sehr gut vertrage und verdauen kann. 

 

Bis vor kurzem war ich mir auch recht sicher, dass rohes Obst und Gemüse immer gesünder ist und mehr wichtige Nährstoffe liefert, als Gekochtes. Aber da hat mich Dr. Greger eines besseren belehrt, nämlich ab Seite 306 in seinem Buch "How not to Die". Ja, gekochter Brokkoli hat 10 % weniger Vitamin C als roher Brokkoli - aber die 10 % kannst du mit einem zusätzlichen Röschen gekochten Brokkoli wettmachen. Andere Nährstoffe lassen sich durch das Kochen sogar besser aufnehmen, beispielsweise das Vitamin A aus den Karotten - sie haben gekocht 6 mal soviel Vitamin A als roh. Auch bei Tomaten kann das wichtige Lycopin im gekochten Zustand viel besser aufgenommen werden, als von rohen Tomaten. Es zählt also nicht nur, was wir essen, sondern was unser Körper aufnehmen und verwerten kann! Stangensellerie ist ebenfalls gekocht gesünder, Paprika hingegen isst man am besten roh - da gehen die meisten wichtigen Nährstoffe bei der Zubereitung verloren. Am idealsten ist es wahrscheinlich, möglichst viele verschiedene Früchte und Gemüsesorten zu essen, roh und gekocht und diese auch noch mit Hülsenfrüchten, Samen und Nüssen zu ergänzen. Von Dr. Greger gibt es zur Unterstützung auch die wunderbare "Daily Dozen" Liste und App. 

frischer Salat mit essbaren Blüten

Wie ist nun meine derzeitige Meinung zu "raw till 4"? 

 

Anfangs habe ich mich mit dieser Ernährung wohl gefühlt und die Umstellung auf vegan ist mir so leicht gelungen (dies aber wahrscheinlich eher aufgrund der vielen motivierenden Videos, in denen ich sportlich fitte, starke Menschen gesehen habe, die sich für eine veganes Leben ausgesprochen haben). Ich habe mit "raw till 4" nicht abgenommen, aber auch nicht zugenommen (wie scheinbar viele NachahmerInnen), obwohl ich doch so viel gegessen habe. 

 

Ich fand es sehr schwierig, bei uns reife, gute Früchte in ausreichenden Mengen zu finden, zudem war das relativ teuer - im Winter, wie im Sommer. Manche kaufen ganze Schachteln mit Bananen, die dann aufgrund der größeren Menge günstiger sind, und lassen diese anschließend zu Hause reifen. Leider habe ich in Wien niemanden gefunden, der ganze Kartons mit Bananen (in Bio-Qualität und fairtrade, was mir beides wichtig ist) verkauft. Ich hatte dann ein Abkommen mit einem Bio-Supermarkt, dass ich ihre überreifen Bananen, die sie sowieso günstiger verkaufen müssen, in großen Mengen noch etwas günstiger bekommen habe. 

 

Nach der ersten Zeit und nachdem ich nicht so große Mengen auf einmal essen konnte, fühlte ich mich gelegentlich trotzdem hungrig und bekam auch immer mehr Lust auf etwas anderes, eher Pikantes zu essen. Ich liebe Süßes, aber das wurde mir dann doch etwas zu viel des Guten. 

 

Rohes Obst ist ja eigentlich einfach in der Zubereitung. Aber es war dann trotzdem irgendwie zeitaufwendig, all die Früchte zu schälen,  zu schneiden und auch der Zeitaufwand beim Essen ist nicht zu verachten - dies vor allem wegen der Mengen. Rohes Gemüse kann ganz gut mit genommen werden für unterwegs, bei Früchten ist das schon etwas schwieriger, da man sie leicht zerdrückt. Leider hatte ich einige Mal zergatschte Bananen im Rucksack - nicht so toll! Ich bin aber mit der Zeit auch schlauer geworden und nehme heute auch noch gerne rohes Obst und Gemüse mit - ich zerschneide es einfach etwas (auch die Bananen mitsamt der Schale) und nehme sie in Plastik- oder Glasdosen mit für den Hunger unterwegs. Meine liebste Rohkostkombi für unterwegs ist Apfel mit Fenchel oder mit Kohlrabi. 

 

In Zeiten meines "raw till 4" habe ich ab 15h  immer schon sehnsüchtig auf die Zeit nach 16h gewartet, wann ich endlich etwas anderes essen darf. Das ganze war auch recht schwierig mit einem halbwegs normalen, sozialen Leben zu vereinbaren - da war die Lichtnahrung fast noch einfacher :-))

 

Insgesamt schließe ich mich schlussendlich der Meinung der youtuberin High Carb Hannah an, die da sagt: raw till whenever ...

 

Ich esse nach wie vor gerne und oft rohes Obst und auch sehr gerne rohes Gemüse, trinke morgens als erstes einen Smoothie (mit 1 reifen Banane darin und sonst viel Grünzeugs) und esse weiterhin gerne viel Salat, wie schon mein ganzes Leben lang. Gute Gewohnheiten darf man ja gerne beibehalten :->

Ernährt ihr euch "raw till 4"? Oder habt ihr es auch mal ausprobiert? Schreibt mir gerne eure Erfahrungen damit 
in die Kommentare! Bis bald, Susanne

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