Stärke durch spirituelle Praxis

Gerade zurück von einer Pilgerreise fühle ich mich wieder gestärkt für spirituelle Praxis. Heute etwas mehr über Spiritualität und übers Pilgern.

Dankbarkeit als spirituelle Praxis

Ich gehe gerade durch eine persönliche Krisensituation, wie wir sie wahrscheinlich alle in unserem Leben früher oder später einmal oder öfters erleben müssen. Nach einer Zeit des Haderns mit der Situation - teilweise auch während des Pilgerns auf den Franziskusweg, diesmal von Rieti nach Assisi - finde ich nun mehr und mehr meinen Frieden damit. Sehr hilfreich war und ist mir dabei meine spirituelle Praxis, die mich schon recht lange, eigentlich seit Schulzeiten begleitet. 

 

Das heutige Wort für den Tag zur Dankbarkeit von Bruder David Steinl-Rast, den ich während meiner Zeit auf Puregg kennenlernen durfte, war folgendes: 

 

Zu erkennen, dass alles überraschend ist, ist der erste Schritt in Richtung auf die Erkenntnis, dass alles ein Geschenk ist.

Franziskusweg von Rieti nach Assisi

Spiritualität bedeutet im weitesten Sinne "Geistigkeit" und ist eine auf Geistiges, Geistliches, ausgerichtete Lebenshaltung.  Es gibt mehr, als wir mit unseren Sinnen wahrnehmen können. Für manche ist das völlig logisch, für andere zunächst unvorstellbar.  Mich begleitet die Frage nach dem Sinn des Lebens eben schon recht lange. 

 

Vor kurzem habe ich einen beeindruckenden Vortrag von Rupert Sheldrake über Spiritualität und Wissenschaft gesehen. In einem anderen Interview hatte ich zuvor erfahren, dass er sich schon lange mit Spiritualität beschäftigt, meditiert und auch längere Zeit in Indien gelebt hat. Auch seine Theorie der morphogentischen Felder beruht auf dem Gedanken, das es ein größeres Bewusstsein (manche sagen Gott oder Göttlichkeit dazu) gibt. Völlig identische Zellen können sich in der Pflanze zu Stängel oder Blatt entwickeln oder im Menschen zu Fingern oder einem Fuss. Doch woher weiß die Zelle, welche Form sie annehmen soll? 

 

In seinem neuen Buch "Die Wiederentdeckung der Spiritualität", welches im September auch auf Deutsch erscheinen wird, stellt Rupert Sheldrake 7 wichtige spirituelle Praktiken vor, die in allen Religionen zu finden sind: Meditation, Gebet, Rituale, Musik und Tanz, die Verbindung mit der Natur, das Prinzip der Dankbarkeit und das Pilgern. 

 

Pilgern hat eine lange Tradition in allen Religionen. Moslems gehen nach Mekka, Hindus zum Kailash und anderen heiligen Bergen, Höhlen und Tempel, Buddhisten gehen ebenfalls zum Kailash, aber auch an die Orte von Buddhas Geburt, Erleuchtung, ersten Lehren und Tod. Christen sind im Mittelalter überhaupt kreuz und quer (vielleicht kommt ja sogar dieser Ausdruck aus der Zeit :-)) durch Europa, nach Rom, aber auch sehr viel und oft nach Jerusalem gegangen.  Das Pilgern ist auch die Wurzel des heutigen Tourismus. Menschen konnten die Heimat mit der Begründung des Pilgerns verlassen und so Neues kennenlernen, Abenteuer erleben und zugleich auch Gott näher kommen.  

 

Im Mittelalter wie auch heute ist das Pilgern nach Santiago de Compostela eine beliebte Route. Der Weg entstand in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts und wurde seit den 1980iger Jahren wieder aufgebaut und eine Infrastruktur geschaffen, die das Übernachten am Weg, dem Camino, ermöglicht. Früher haben ausschließlich Klöster Übernachtungsmöglichkeiten und Essen für Pilger bereit gestellt. Im Jahr 2017 sind bereits über 300.000 Menschen den Weg gegangen. Darunter sicher auch viele, die nicht religiös sind und den Weg als sportlichen Herausforderung sehen oder Gehen, um sich mit sich und der Natur zu verbinden, Zeit für Reflexion zu haben u.ä. 

 

Ich bin heuer wieder mit Marcus Hillinger auf dem Franziskusweg nach Assisi unterwegs gewesen. Voriges Jahr sind wir von Sansepolcro nach Assisi gegangen und heuer von der römischen Seite von Rieti - dem Mittelpunkt von Italien - weg.  Nachfolgend ein paar Fotos dieser Pilgerreise. 

 

Franziskusweg von Rom nach Assisi

Wie im Vorjahr sind wir während der Reise jeden Tag in der Früh und am Abend für 20 Minuten zur Mediation gesessen, geleitet und begleitet von Vorträgen und Impulsen von Marcus. Oft haben wir auch in Kirchen meditiert, wo ich manchmal die Stille im Inneren besonders intensiv erfahren habe. 

 

Beim Gehen habe ich den Körper achtsam gespürt, manchmal auch mit Schmerzen, den Atem beobachtet, gefragt: wer ist es, der/die da geht? Und versucht, den Moment bewusst zu erleben und nicht mit der Gedankenflut fort getragen zu werden. 

 

Während des Gehens habe ich auch wieder eine große Dankbarkeit für die Schönheit der Natur gespürt. Wir sind durch wunderbare Wälder gegangen, durch mittelalterliche Dörfer am Berghängen, haben Hochebenen durchschritten, die ich besonders liebe, aber auch Asphaltstraßen und nasse Felder. Wir haben Klöster und Kirchen besucht und ich habe wunderbar vegan gegessen. 

 

Dankbarkeit hat laut Sheldrake in allen Religionen eine große Bedeutung. Nicht alles für selbstverständlich, sondern sich die Zeit zu nehmen, für Menschen, Situationen, Dinge, Bedingungen dankbar zu sein. Am besten vielleicht als tägliche Praxis, die abends vor dem Schlafen gemacht wird. Davon bin ich noch recht weit entfernt, meistens vergesse ich es leider einfach. Obwohl ich mir sogar das gelbe Schild " I will be gratefull for this day" heuer gekauft habe, zur Erinnerung daran und es recht prominent in meiner Wohnung hängt. Diese Praxis versuche ich derzeit also auch aufrecht zu erhalten - dankbar zu sein, Dankbarkeit zu spüren, obwohl es in meinem Leben gerade eher viele Herausforderungen gibt. 

 

Sheldrake meint auch, dass wir aus jeder normalen Reise eine Pilgerreise machen können. Er beschreibt, dass wenn er in eine Stadt kommt, er als erstes den Haupttempel, die wichtigste Kirche oder Kathedrale der Stadt besucht, um dort eine Kerze zu entzünden und ein kurzes Dankgebet zu sprechen. Auch unser Leben ist mit einer Pilger-Reise durchaus vergleichbar, finde ich, bei der uns eine gelebte Spiritualität stärken kann. 

Vielleicht war ja für Dich heute eine kleine Inspiration mit dabei - das würde mich freuen! Alles Liebe, Susanne

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