Waldbaden

Shinrin yoku - Eintauchen in die heilende Atmosphäre des Waldes. Was mir als Kind Momente des Glücks beschert hat, haben andere und ich für die Gesundheit wieder entdeckt. Heute ein wenig mehr darüber

waldbaden im Wiener Wald

Ich komme aus einer Familie, die sich beruflich viel im Wald aufgehalten hat. Selbst mein Familienname geht auf einen Beruf, der mit Wald und Holz zu tun hatte, zurück. So war ich als Kind oft mit meinem Eltern, insbesondere mit meinem Vater im Wald; spazieren, wandern, Bäume anschauen und bestimmen, Schwammerl suchen. Selbst bei der Jagd war ich als kleines Kind manchmal mit dabei, das wollte ich dann aber schon bald aus verschiedenen Gründen nicht mehr.

 

Manchmal hatte ich damals im Wald Augenblicke intensiver Glückserfahrung, einmal sogar einfach während einer Autofahrt durch einen schönen Mischwald. Diese Glücksmomente im Wald, die mit nichts anderem vergleichbar waren, sind wahrscheinlich auch der Beginn meiner spirituellen Suche, der Suche nach diesem intensiven, einen plötzlich wie aus den Nichts überkommenden, Glück. 

 

Und vor einiger Zeit, an einem Tag an dem ich eigentlich ein wenig nieder geschlagen war, konnte ich das wieder erleben .... die friedliche Stimmung im Wald, die stille Freude, das zu Hause fühlen im Wald, das einfache Glück. Die Japaner haben für die heilende Wirkung des Waldes den Begriff shinrin yoku - das Baden in der Atmosphäre des Waldes - geprägt und erforschen, wie und wodurch der Wald auf unsere körperliche und geistige Gesundheit wirkt. 

shinrin yoku - waldbaden am Fuße des Hochkönig in Salzburg

Laut dem Ethnobotaniker und Pflanzenguru Wolf-Dieter Storl (dem ich einmal bei einem Spaziergang und Vortrag über die Pflanzen am Wegesrand im Wald begegnen durfte) ist der Wald unsere ursprüngliche Heimat. Er sagt: „Der Wald ist unsere Heimat. Bei den Kelten, Germanen, Balten und Slawen galt der Wald als heilig. Man fühlt sich wohl und geborgen im Wald. Der Wald ist eine Heimat der Seele.“  

 

Nach neuerer Forschung fühlen wir uns nur in der Savanne noch wohler, die aus Grasland besteht, mit einige Bäumen und Baumgruppen auf den Wiesen. Eine Erklärung ist, dass die Savanne weitere Sicht auf mögliche Gefahrenquellen bietet als der Wald. Andererseits bietet der Wald uns aber auch guten Schutz. 

 

Darüber habe ich unter anderem auch während meiner Ausbildung zur Gartentherapeutin gelernt. Der Garten wirkt ja ähnlich wie der Wald, wobei beim Wald noch einige weitere Komponenten dazu zu kommen scheinen. Darüber gleich mehr. Im Bereich der Gartentherapie wird noch eifrig daran gearbeitet, die offenkundig wohltuende Wirkung des aktiven Arbeitens im Garten oder mit Pflanzen, aber auch das passive Genießen von beidem, wissenschaftlich zu untermauern. 

 

Im Jahr 1984 wurde eine Studie publiziert, bei der Patienten untersucht wurden, die im Krankenhaus-Bett nach einer Gallenblasen-Operation aus dem Fenster entweder auf eine Wand oder auf einen Baum blicken konnten. Hier ein link dazu: Roger Ulrich Studie  (View Through a Window May Influence Recovery from Surgery) Na, was soll ich sagen? Es war ein signifikanter Unterschied zwischen beiden Gruppen! Die Patienten mit dem Blick ins Grüne benötigten weniger Schmerzmittel, es gab weniger Komplikationen und sie konnten im Durchschnitt einen Tag früher aus dem Krankenhaus entlassen werden.

 

Auch das  Psychologen-Paar Rachel und Stephen Kaplan hat einiges zu dem Thema geforscht. Der Aufenthalt in der Natur stärkt die Aufmerksamkeit, da wir von ihr leicht zu faszinieren sind. Wir fühlen uns wacher. Zugleich können wir leichter von unseren Alltagssorgen ablassen und so entspannen. In der Natur wird unsere Stimmung aufgehellt, was uns auch gesünder macht. 

   

In Japan wird seit dem Jahr 1982 "Shinrin Yoku", das Baden im Wald propagiert und seine Auswirkungen auf die körperliche und mentale Gesundheit untersucht und erforscht. Japan besteht aus einige großen Städten, die dicht bebaut sind, aber auch zu 67 Prozent aus Waldfläche. Die Studien in Japan konnten ebenfalls zeigen, dass der Aufenthalt im Wald stressreduzierend und stimmungsaufhellend wirkt.  

 

Dafür verantwortlich sind Phytonzide, flüchtige Verbindungen die Pflanzen ausströmen, um Bakterien, Pilze und Insekten abzuwehren. Wenn wir diese Abwehrstoffe einatmen, lösen sie bei uns ein Gefühl der Ruhe aus, senken den Blutdruck, verringern das Stresshormon Cortisol und verbessern die Herzfrequenzvariabilität, die sich durch Stress reduzieren kann. Die Phytonzide sollen auch positiven Einfluss auf die Anzahl und Aktivität der natürlichen Killerzellen haben, die Krebszellen bekämpfen helfen. Diese Einfluss hält sogar noch 7 Tagen nach dem Waldbesuch an! 

 

Die Terpene, die auch zu diesen Abwehrstoffen gehören, sind feine ätherische Öle, manchmal als harziger Wohlgeruch im Wald wahrnehmbar. Diese Terpene nehmen wir bei einem Waldspaziergang über unsere Atmung und die Haut auf. 

 

Übrigens - falls ihr mal in die Gegend kommt - in den Wäldern im Norden von Japan, am Fuße des Yatsugatake Berg gibt es die wunderbare Candian Farm, die man besuchen und wo du auch eine zeitlang leben und mitarbeiten (wwoofen) kannst. Ein besonders schöner Platz, den ich auf einer Reise in Japan vor einigen Jahren sehr genossen habe. 

 

Der ganze Wald ist wie eine organische Einheit miteinander verbunden. Eine Kommunikation findet über die Phytonzide statt, scheinbar auch mit unseren Zellen. Unter der Erde sind die Bäume auch noch über das Myzel der Pilze miteinander verbunden. Diese leiten Nährstoffe und Wasser zu den Bäumen und scheinbar auch Informationen. Auch durch den Luftaustausch sind wir Teil dieser organischen Einheit. Wir nehmen den produzierten Sauerstoff der Pflanzen auf und geben ihnen unser produziertes Kohlendioxid. 

 

Es gab in meinen Leben immer wieder Zeiten,  in denen ich mich Teil dieser Einheit empfunden habe. Während meiner Zeit in Puregg bin ich gerne im dichten Nadelwald über feines Moos gewandert, oftmals habe ich meine Pausen auf moosbedeckten Baumstümpfen sitzend genossen, und Brombeeren, Heidelbeeren, Preiselbeeren und Eierschwammerl im Wald gepflückt und geerntet.

 

Nach dem Leben mitten in der Stadt, wohne ich nun glücklicherweise wieder in unmittelbarer Umgebung des Wienerwalds, einem Mischwald der die Stadt Wien umgrenzt. Dies haben wir Josef Schöffel zu verdanken, der sich für den Erhalt des Waldes in den 1870-iger Jahre stark machte. Und eben dorthin bin ich vor einigen Tagen gegangen als ich nieder geschlagen war, was meine Stimmung wieder deutlich spürbar aufgehellt hat.

 

Abschließend muss mich wohl auch noch als bekennende Baum-Umarmerin outen bzw. lehne ich mich sehr gerne mit dem Rücken an einen kräftigen Stamm, überlasse mich mit meinem Gewicht der tragenden Kraft des Baumes, versuche seine Energie und Wärme zu spüren und in mich fließen zu lassen. Dies hat mir schon öfters in besonders schwierigen Zeiten Trost und Zuversicht gespendet und im wahrsten Sinne des Wortes den Rücken gestärkt. 

 

Jetzt, im goldenen Herbst, verfärbt sich der Wald täglich immer mehr. Vielleicht eine gute Zeit, um mal wieder raus zu gehen, den weichen Waldboden zu berühren, den würzig frischen Waldduft - im Herbst mit einer leicht modrigen Note - tief ein zu atmen, dem Vogelgezwitscher zu lauschen, die eifrigen Eichhörnchen beim Sammeln zu beobachten, vielleicht die eine oder andere Nuss selbst einzusammeln und die Seele im Einklang schwingen zu lassen. Ich wünsche euch genussreiches Waldbaden :-)

Vielleicht laufen wir uns ja mal im Wienerwald über den Weg? bis dahin euch alles Liebe, Susanne

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